Falsche Argumente für eine falsche
Reform
Pro & Contra Einführung |
Pro & Contra Umkehr  |
Folgende Aussagen konnte man in der Auseinandersetzung um die
"Rechtschreibreform" immer wieder hören und lesen; sie lassen
sich in zwei Klassen einteilen: einerseits gesellschaftspolitische und
andererseits sachliche (sprachwissenschaftliche) Thesen, die jeweils
anschließend zurechtgerückt werden:
1. Ob die Rechtschreibung geändert wird oder nicht, interessiert mich
schlicht nicht ...
- Wer privat und beruflich nicht viel schreibt und liest, ist in der Tat
wenig von der "Rechtschreibreform" betroffen. Orthographie ist dann
ein Problem "der anderen", ein Problem, das man einst als
Schüler(in) hatte, von dem man aber jetzt nichts mehr wissen will.
- Dieselbe gleichgültige Haltung findet sich in vielen weiteren
Bereichen, die die Privatsphäre nicht unmittelbar berühren
und macht es den Regierenden leicht, Projekte undemokratisch durchzusetzen und
von der "schweigenden Mehrheit" zu sprechen, die ihnen angeblich
zustimmt.
2. Es gibt viel wichtigere Probleme, also finde ich mich mit dem Mißstand, gemeint ist die Reform,
ab.
Wichtigere Aufgaben gibt es immer. Das ist aber kein Grund, unwichtigere wie
die Schlechtschreibung unter den Teppich zu kehren.
Außerdem hat der Eingriff des Staates ganz grundsätzliche Bedeutung:
- Darf ein Staat seinen Bürgern verordnen, daß bestimmte ihrer
schriftlichen Äußerungen plötzlich eine andere Bedeutung haben
sollen ("Leid tun", "nichts sagend", "wohl
bekannt" etc.) und ihre Gedanken plötzlich anders schriftlich zum
Ausdruck gebracht werden sollen als zuvor? Wer die eigenen und die
Menschenrechte anderer achtet, sagt: nein!
- Darf ein Staat den erklärten und eindeutigen Willen seiner Bürger
mißachten auch wenn sich diese Bürger wie in
Schleswig-Holstein in einem Referendum gegen ein staatliches Vorhaben
entschieden haben? Wer diesen arroganten Machtanspruch des Staates verteidigt,
darf sich nicht wundern, wenn sich der nächste staatliche Übergriff
gegen ihn selbst und seine eigenen Ziele richtet.
- Menschen haben unterschiedliche Prioritäten, nehmen je nach Erziehung
und Erfahrungen Probleme unterschiedlich wahr. Nicht wenige setzen sogar
radikal ihre eigenen Wertvorstellungen absolut und die Überzeugungen
anderer dadurch herab:
- Kinderschützer empören sich lautstark über
Tierschützer, die sich "besser um das millionenfache Elend unserer
Kinder als um ein paar Straßenköter kümmern
sollten";
- Tierschützer wenden sich kompromißlos vom Egoismus und Unrecht
menschlicher Gesellschaft ab und ihrer Hauskatze zu, auch wenn diese
geschützte Vögel wildert;
- Vogelschützer protestieren entrüstet gegen jede
Baumfällaktion, selbst wenn sie einen neuen, wertvolleren Biotoptyp
für bodenbewohnende Kleinlebewesen schafft;
- Manche Gartenbesitzer möchten am liebsten alle Wildflora vernichten,
"damit das Laub nicht den Plattenweg verschmutzt und der Garten nicht
verwildert";
- und einige Realisten haben erkannt, daß "es Wichtigeres auf der
Welt gibt als ein paar verwilderte Ecken, Tümpel und überfahrene
Kröten! Angesichts der großen Arbeitslosigkeit, der
Strukturschwäche der Wirtschaft, der globalen Herausforderungen etc.
können wir auf die unverantwortlichen Forderungen einiger
Öko-Spinner keine Rücksicht nehmen ..."
- Diese Liste läßt sich problemlos fortsetzen z. B. durch
jene "Problemlöser", die glauben, durch Verachtung von
Sprachschützern schon etwas für ihre eigene, so viel wichtigere
Sache gewonnen zu haben. Der Staat nimmt diese Primitivität dankend zur
Kenntnis.
- "Das eine tun, aber das andere nicht lassen" dieser Spruch
gilt auch für den Widerstand gegen die sprachliche Bevormundung der
Bürger durch den Staat.
3. Die Reform ist gesetzlich vorgeschrieben, also muß man sich danach
richten die Gerichte haben die Rechtmäßigkeit der Reform
bestätigt.
4. Die neue Rechtschreibung ist modern, fortschrittlich, wir sollten nicht
hinterherhinken.
- Nicht alles Moderne ist fortschrittlich. Viele "Neuerungen", das Doppel-s,
Großschreibungen, Getrenntschreibungen und Silbentrennungen gehen auf
Schreibweisen im frühen 19., 18. und 17. Jahrhundert zurück. Der
natürliche Sprech- und Rechtschreibfortschritt wird also mit staatlicher
Gewalt zurückgedreht. Auf fruchtbaren Boden kann die "Reform"
also nur bei jenen fallen, die in Unkenntnis der deutschen Sprech- und
Rechtschreibentwicklung nur von dem "Neuen" begeistert sind.
- Nach den historischen Erfahrungen ist es grundsätzlich naiv,
staatlichen Verordnungen in den Bereichen der Kultur und der Wirtschaft mehr
Qualität zu unterstellen als natürlichen Entwicklungen, besonders wenn
die staatlichen Eingriffe überflüssig sind. Vergleiche dazu die "unsichtbare
Hand" in der freien Marktwirtschaft und den gescheiterten Kommunismus.
5. Die neue Rechtschreibung hebt künstliche Klassenunterschiede
auf.
- Gerade in "linken" Kreisen wird eine Schreibreform seit langem
ideologisch besetzt: Eine komplexe und differenzierte Orthographie sei
"Herrschaftswissen" und somit nur privilegierten Schichten
vorbehalten; die "Arbeiterklasse" werde dadurch diskriminiert. Als Folge
dieser Einstellung werden aber nicht auf die angeblichen Bedürfnisse
niedriger Bildungsgrade zugeschnittene, also vereinfachte Schreibweisen
propagiert, sondern alles, was im vermeintlich modernen Gewande daherkommt,
auch wenn es ein Sammelsurium unterschiedlichster Reformansätze und
Kompromisse darstellt.
- Eine Bildungsreform kann nicht erfolgreich sein, indem sie
Bildungsansprüche an eine heranwachsende Generation in Anpassung an
sozial benachteiligte Schichten nach unten korrigiert.
"Gleichmacherei" wenn dieses Wort einmal gestattet ist
darf nur bedeuten, daß alle Schichten gleichermaßen an ein
möglichst hohes Bildungsniveau und daher auch an eine differenzierte,
präzise Schriftsprache herangeführt werden. Schließlich ist das
Schreiben kein Selbstzweck, sondern für die normalerweise zahlenmäßig größere
Leserschaft bestimmt.
6. Die Kritiker haben jahrelang geschlafen und schreien erst, wenn es schon
zu spät ist.
- Die "Reformer" haben ihre jeweiligen Beratungsstände
jahrelang, so gut es ging, geheimgehalten und das Wörterverzeichnis zur
Reform erst im Sommer 1995 veröffentlicht, was den bayerischen
Kultusminister 1995 in einem Spiegel-Interview u. a. zu dem Kommentar
veranlaßte: "Die breite Öffentlichkeit ist so gut wie gar
nicht informiert. Deshalb werden viele erschrecken, wenn es nun zu einer
Reform kommt, und zwar auch dann, wenn noch einiges geändert wird. Viele
haben gar nicht mehr an eine Reform geglaubt, nachdem seit fast hundert Jahren
alle Vorschläge gescheitert sind."
- Politiker wie Reformer haben unter den Kritikern und diese machen
die Mehrheit der Bevölkerung aus nur auf eine Handvoll
Schriftsteller gezeigt, die vielleicht ein paar Monate früher hätten
Alarm schlagen können, aber eben in ihrer verschwindend geringen Zahl
auch nicht das alleinige Sprach- oder besser: Schreibgewissen der Nation sein
können. Die Rechtschreibung unserer Sprache betrifft uns alle, also
hatten und haben auch alle ein Recht darauf, zuerst informiert und dann
gehört zu werden.
- Konstruktive wie auch kritische Beiträge hat es sehr wohl gegeben, aus
fast allen Richtungen und nicht zu knapp. Ich selbst habe schon am 20.12.1988
meinen ersten Leserbrief zum
Thema in der Tagespresse veröffentlicht.
7. Die Reform wurde von Fachleuten bzw. Linguisten erarbeitet, ist also
wohl richtig.
- Den Sachverstand der Experten solle man nicht in Zweifel ziehen,
heißt es, denn wer sonst solle die Rechtschreibung regeln? Ob soviel
Vertrauen in ihre jeweiligen "Sachverständigen" die politischen
Auftraggeber ehrt, kann angesichts der katastrophalen Ungereimtheiten dieser
Reform angezweifelt werden: Wer z. B. für einige Adverbien
die Großschreibung empfiehlt, kann für sich kaum linguistischen
Sachverstand reklamieren. Mit ein wenig gesundem Menschenverstand wäre
auch ein Kultusminister fähig gewesen, solche Schwächen zu
erkennen.
- Die fachlichen Schwächen dieser länderübergreifenden
"Reform" rührten zu einem nicht geringen Teil von der
unentwegten und politisch gewollten Kompromißsuche: Viele Köche
verderben bekanntlich den Brei besonders, wenn sie neben ihrer eigenen
auch noch die Meinung ihrer Landesherren zu vertreten haben. Die
"Reform" ist deshalb meilenweit von einer inneren Logik oder besser:
Konsistenz entfernt, kein einziger der beteiligten Auftragslinguisten hat sie
in dieser widersprüchlichen Ausprägung vorgeschlagen, sie ist
vielmehr Regel für Regel und bis hin zur Schreibung einzelner Wörter
das Ergebnis Hunderter Kompromisse zwischen "Experten" und dann
zwischen diesen und Politikern. Bei der "Reform" erlebt man, was
passiert, wenn "wissenschaftliche" Ergebnisse durch Abstimmungen gewonnen
werden.
- Unqualifiziert waren die "Experten" auch grundsätzlich. Wie
für viele Berufsstände gilt auch für Sprachwissenschaftler ein
Ehrenkodex: Während etwa Ärzte an den bekannten
"hippokratischen Eid" gebunden und vor allem zur Vertraulichkeit und
Erhaltung menschlichen Lebens verpflichtet sind, gilt für Linguisten das
Gebot, Sprache so zu analysieren und beschreiben, wie sie ist. Ähnlich
wie die Medizin hat auch die Linguistik einige schwarze Kapitel in der
Geschichte ideologischer Auseinandersetzungen oder gar staatlicher
Unterdrückung erlebt. Objektive Linguistik ist deshalb gleichbedeutend
mit deskriptiver Linguistik, wie sie an gleichnamigen Lehrstühlen
gelehrt wird. Wer einem Volk vorschreiben will, wie es zu sprechen und zu
schreiben hat, verletzt das Ethos deskriptiver Linguistik.
- Das "Institut für Deutsche Sprache" in Mannheim hatte 1977
seine "Kommission für Rechtschreibfragen" gegründet.
Schon 1987 hat es den Auftrag erhalten, Vorschläge für eine
"Rechtschreibreform" zu erarbeiten. Daraus wird verständlich,
daß ihre Mitglieder am Ende jahrelanger Arbeit keine Empfehlung zur
Beibehaltung der konventionellen Rechtschreibung abgeben konnten, zumal
etliche dieser Auftragslinguisten die Chance erhielten und wahrnahmen, sich
mit dieser Reform einen Namen zu machen und lukrative Jobs bei Verlagen
(z. B. Bertelsmann) anzunehmen.
- Letztlich sind allerdings alle muttersprachigen Schreiber der deutschen
Sprache "sachverständig": Eine Sprache wird nicht am
Schreibtisch kluger Experten konstruiert. Sie ist Allgemeingut aller Glieder
des Volkes.
8. Schrift ist nur "äußerlich", die Sprache selber ist
also von der Reform nicht betroffen.
- Auf den ersten Blick mag es tatsächlich so scheinen: Es bleibt doch
alles beim alten, die Sprache ändert sich doch nicht, nur ein paar
Wörter werden jetzt etwas anders geschrieben. Das ist bereits in der Sprachtheorie falsch:
Sprache ist keineswegs dasselbe wie ihre Lautung, sondern ein strukturiertes
System von Begriffen, die lautlich, gestisch und schriftlich zum Ausdruck
gebracht werden können und werden. Eine bestimmte Schreibweise steht
nicht etwa für eine bestimmte Aussprache (Lautung), sie steht vielmehr
(ebenso wie eine bestimmte Lautung oder Geste) für einen bestimmten
Begriff, für eine bestimmte Vorstellung eines konkreten oder abstrakten
Gegenstandes. Wer die Aussprache oder Schreibweise oder gestische Darstellung
eines Wortes ändert, ändert damit auch seine Bedeutung:
zunächst in der Sprachtheorie und potentiell auch in der Praxis.
- Praktische Beispiele für Sprachveränderung sind bereits zahlreich
nachgewiesen worden:
Wortbedeutung: Die konventionelle Schreibung kennt für
verschiedene Bedeutungen auch verschiedene Schreibungen. Beispiel:
"wieder wählen" = 'noch einmal wählen', aber
"wiederwählen" = 'durch Wahl bestätigen' (auch wenn es die
erste Wahl ist) es gibt Hunderte solcher Beispiele. Wenn die
Amtsschreibung dort nur noch eine (hier die getrennte) Schreibung
zuläßt, so wird diese entweder doppeldeutig, oder sie eliminiert
die zweite Bedeutung, oder sie übernimmt die Bedeutung der zweiten
früheren Schreibweise: "wieder wählen" z. B. soll
jetzt dieselbe Bedeutung haben wie früher "wiederwählen",
die getrennte Schreibung soll zusammen mit ihrer Bedeutung verschwinden. Im
Klartext: Die Amtsschreibung vernichtet viele Wörter der deutschen
Sprache.
Wortwahl: Wenn Ausdrücke durch die amtliche
Falschschreibung doppeldeutig werden, neigen Schreiber zu alternativer
Wortwahl, um eine Fehlinterpretation zu vermeiden: Aus den "rechts
stehenden Jugendlichen" werden dann, um sie nicht des Extremismus zu
bezichtigen, schnell die "auf der rechten Seite stehenden" bzw. die
Jugendlichen, die "auf der rechten Seite standen", und aus einer
"wohl vertrauten" wird leicht eine "vermutlich vertraute"
Umgebung.
Wortstellung: Statt eines anderen Wortes kann auch eine
geänderte Reihenfolge der Wörter Doppeldeutigkeit vermeiden: Das
"allen wohl bekannte" Geheimnis gibt es bald nicht mehr, dafür
aber das "wohl allen bekannte". Eine Katastrophe stellt diese
alternative Formulierung sicherlich nicht dar, aber sie beweist, daß und
wie durch eine künstliche Reform nicht die (Aus-)Sprache die Schrift
bestimmt, sondern umgekehrt die Schrift die Sprache.
Aussprache: Übereifrige Mitläufer unter den
"Pädagogen" sprechen den Grundschülern in Wörtern wie
behende, Stengel oder überschwenglich ein besonders
breites [ä] vor, um ihnen die durchzusetzenden Schreibweisen
"behände", "Stängel" oder
"überschwänglich" zu erleichtern.
- Die unrichtige Behauptung, die Sprache bzw. ihre Bedeutung werde von
Schreibreform nicht geändert, wird von höchsten Stellen verbreitet.
Das Bundesministerium der Justiz teilte am 28. September 1999
(Geschäftszeichen IV B 1-6103/2-40220/99) dem Bundeskanzleramt, den
Bundesministerien, dem Deutschen Bundestag, dem Bundesrat und dem
Bundesrechnungshof folgendes mit; es kann nicht sein, was nicht sein darf
man beachte auch unter der Betreffzeile den Begriff der
"Normsprache" (nicht "Normschreibung"!):
Betr.: Einführung der Neuregelung der deutschen
Rechtschreibung
hier: Normsprache
Bezug: Rundschreiben des BMI vom 7. Juni 1999
- O1-131 212-1/10-
[...]
Die Änderung der Schreibung eines Wortes stellt nur eine Anpassung an die
geänderten Rechtschreibregeln dar, ohne eine Änderung der
Wortbedeutung zur Folge zu haben. Daher sind rechtliche Konsequenzen durch die
neue Schreibung nicht verbunden.
9. Die neue Schreibung ist besser / besser erlernbar, also übernehme
ich sie.
- Die Reformer sind in der Öffentlichkeit vor allem mit dem Argument
angetreten, unseren Kindern das Erlernen der deutschen Rechtschreibung
erleichtern zu können, so daß sie weniger Fehler machen.
Dieser Versuch mußte schon als gescheitert angesehen werden, bevor
empirische Ergebnisse breit angelegter Untersuchungen und die Erfahrungen von
Grundschullehrern vorlagen, da etliche der neuen Regeln und Bestimmungen die
Probleme, die es zweifellos gibt, nicht lösen und aus der Welt schaffen.
Ein gutes Beispiel ist das "dass": Dieses vermutlich
auffälligste Merkmal der Reform verschiebt die Unsicherheit, wie schon
erläutert, nur von dem Wortpaar "das daß" zu
"das dass". Gewonnen wird dadurch nichts außer
Verwirrung.
- Die leichte Erlernbarkeit der Rechtschreibung ist aus sprachwissenschaftlicher
Sicht überhaupt nicht das entscheidende Kriterium ihrer Güte:
Entscheidend für die Qualität sind in erster Linie die leichte
Verständlichkeit der Schreibweise und zweitens ihre
Konventionalität: Nur wenn Schreibung das Gedachte eindeutig zum Ausdruck
bringt und wenn allen Mitgliedern einer Schriftgemeinschaft der
Schriftgebrauch bekannt ist, ist Schreibung auch Rechtschreibung und kann
ihren Zweck erfüllen.
10. Jede und jeder kann jetzt endlich schreiben, wie er/sie will ...
- Das konnte jede und jeder auch bisher schon im privaten Tagebuch und
überall sonst dort, wo man nur mit sich selber kommunizierte, wo Autor
und Adressat identisch waren. Sprache ist allerdings in erster Linie ein
Mittel der Kommunikation zwischen verschiedenen Menschen, die nur dann
zuverlässig funktioniert, wenn sich diese Menschen an dieselbe Konvention
halten. Die Vorstellung, alle könnten schreiben, wie sie wollten, sich
aber dennoch problemlos verstehen, ist eine Illusion.
11. Die Schrift muß einheitlich sein, also sollten sich alle
anpassen.
Das klingt immer gut, also "mußte" die Reform an Schulen
durchgesetzt werden, damit unsere Kinder das lernen, was im offiziellen
Schrifttum wie in der Presselandschaft bald üblich sein würde.
- Das "Argument" der Anpassung des Schulunterrichts an eine
bestehende oder künftige (Schreib-) Norm ist besonders perfide, denn die
Schreibreform soll ja gerade über den Schulunterricht durchgesetzt
werden: Ohne die "Zwangsbekehrung" in den Schulen hat die Reform in
der Bevölkerung langfristig keine Chance, und die Verlage und die
Großindustrie sind überwiegend nur wegen der verordneten Schreibpraxis an
den Schulen auf die Reform umgeschwenkt.
- Hinzu kommt, daß die hochgehaltene Einheitlichkeit selbst an den
Schulen gar nicht möglich ist: Literarische Texte, Quellentexte und
Zitate werden auch in Zukunft im Original gelesen ...
- Einheitlichkeit war für die Verlage und Redaktionen auch
untereinander ein Argument für die Entscheidung im Oktober 1999, die
Reform einzuführen: Man fühlte sich einander verpflichtet
wohl auch deshalb, weil eine größere Anzahl Abweichler, die an der
konventionellen Schreibung festgehalten hätten, sich im harten
Konkurrenzkampf einen Marktvorteil gesichert hätten. Ein typisches
Beispiel für diesen "Korpsgeist" liefert die Argumentation der
Greenpeace-Redaktion.
12. Die getätigten Investitionen in die Neuschreibung dürfen
nicht gefährdet werden.
- Im Reigen der Argumente, die eine Sachdebatte verhindern sollen, darf in
heutiger Zeit der empörte Hinweis auf zu erwartende Millionenschäden
speziell bei Schulbuchverlagen (s. o.) nicht fehlen, wenn die Investitionen in
die angekündigte Reform umsonst gewesen wären: Die Reform
mußte einfach gut sein, damit die Investitionen sich lohnen und solche
Schäden nicht entstehen würden. Auch für den rechtspolitischen
Sprecher der Grünen war dies schon vor Jahren, als die Reform gerade
eingeführt wurde, das behauptete entscheidende Argument, und Beifall von
interessierter Seite hat wohl nicht lange auf sich warten lassen. Der Sprecher
wird ihn gebraucht haben ...
- Die Gerichte haben längst entschieden, daß Anpassungen an eine
geänderte Schreibung allein unternehmerisches Risiko sind und nicht zu
Lasten des Staates bzw. Steuerzahlers gehen dürfen.
13. Die Rückkehr zur alten Rechtschreibung würde vollends für Verwirrung
sorgen. Unsere Kinder, die inzwischen seit fünf Jahren die neue
Rechtschreibung erlernen, würden uns für verrückt erklären.
- Tatsächlich werden die Kinder durch die unsinnige Reform beeinträchtigt.
Sie werden durch die deutschsprachigen Kultusministerien zu einer von den
Eltern verschiedenen Sprache gezwungen. Wenn das als "Zwangsarbeit" anerkannt
werden sollte, können die Kinder nach 60 Jahren vielleicht auch auf eine
geringfügige Entschädigung hoffen.
Antwort von A. Friker:
Der verbindliche Grundschulwortschatz in NRW (in anderen Bundesländern wird es
ähnlich sein) umfaßt aber, nach Auskunft der Rektorin unserer Grundschule,
ganze 39 Schreibweisen-Änderungen, darunter 34 neue SS-Schreibungen. - Leute,
macht Euch nicht ins Hemd, unsere Kinder packen das locker!
Nebenbei bemerkt: Bis ein Kind neudeutsch "klein geschnittene Möhren" schreibt,
anstatt "kleingeschnittene ...", muß man ihm eine Menge Grammatik
eintrichtern. Der Rückweg zur (deutlich sprach- und sinngetreueren) bisherigen
Schreibung ist einfacher. (Und wenn das Kind dann weiter "klein geschnittene"
schreibt, macht das auch nichts, denn das ist nach traditioneller Schreibung
ja keineswegs falsch.)
Da die Anzahl der Schreibfehler - nicht nur in Zeitungen, sondern auch an
Grundschulen - mit der Reform drastisch zugenommen hat (hauptsächlich durch
Verallgemeinerungsfehler wie "Ergebniss", "aufwänden", "Gaß" oder "Rasst"),
dürfte durch eine Rücknahme die Fehlerhäufigkeit eher abnehmen.
- Antwort von Manfred Pohl und Herrn Klaus:
Ist Ihnen schon aufgefallen, daß es keinen deutschen Schriftsteller gibt, der
seine Werke in der sogenannten "neuen" Rechtschreibung verfaßt?
Gründe.....
Wenn man erkennt, daß etwas falschgelaufen ist, dann muß man es korrigieren. Es
ist das kleinere Opfer, als wenn man den Unsinn auf ewig weiterbetreibt. Noch
ist es so, daß die Mehrheit der Deutschen die alte Rechtschreibung beherrscht.
Umgekehrt dürfte es sich noch lange um eine Minderheit handeln. Also ist das
Opfer akzeptabel.
14. Argument der Kultusministerkonferenz: "Sprache verändert
sich".
- Sie verändert sich sicher ganz erheblich, wenn man eine besonders fleißige
Rechtschreibkommission damit beschäftigt.
15. Von den Applaudiervereinen begrüßte Anmaßung der Regierung: "Die neue Rechtschreibung wird am 1. August 2005 verbindlich".
- So wahr mir Gott helfe, wird Unrecht der Regierung nicht verbindlich!
16. Da die erforderliche hundertprozentige Zustimmung zur
Rechtschreibreform nicht zu erwarten ist, schlagen auf Versöhnung bedachte
Politiker einen Kompromiß vor.
- Ein Kompromiß mit der erforderlichen Zustimmung wäre gesucht. Wenn es einen
solchen Kompromiß gäbe, hätten wir eine neue Reform. Das wäre das kleinere
Übel. Wir brauchen aber nicht REFORMEN, sondern VERBESSERUNGEN, die den damit
verbundenen Aufwand lohnen. Damit könnte man die Zustimmung des Volkes
erhalten.
17. Erste Radiomeldung anläßlich der Konferenz der Ministerpräsidenten am
8. Oktober 2004:
Der regierende SPD-Bürgermeister von Berlin teilt mit, daß die dort
tagenden Ministerpräsidenten beschlossen haben, die neue Rechtschreibung
am 1. August 2005 "verbindlich" zu machen. Allerdings werden die offenkundigen Fehler
vorher behoben.
- Die Sprache ist Gemeinschaftseigentum des Volkes. Es ist eine
Anmaßung der Volksvertreter, das Gemeinschaftseigentum auf
Staatskosten (Gemeinschaftskosten) verändern zu lassen und das
Ergebnis (hier lauter kümmerlicher Pfusch) anschließend dem
Volk aufzuzwingen. Was soll außerdem "verbindlich" heißen? Welche
Strafen sind für "Falschschreiben", den Erwerb oder die Verbreitung
"falscher" Rechtschreibung ausgesetzt? Welche dazu erlassenen Gesetze
können vor einer freiheitlichen Verfassung bestehen?
18. Zweite Meldung des staatlichen Rundfunks anläßlich der Konferenz der Ministerpräsidenten am 8. Oktober 2004:
Die Ministerpräsidenten haben beschlossen, daß die neue Rechtschreibung
zum 1. August 2005 "in Kraft tritt".
- Was soll weiter in Kraft treten? Die pädagogisch begründete Rechtschreibung
wurde längst den Schulen und Staatsdienern "mit Erfolg" aufgezwungen. Daß das
große Kapital sich für die Rettung der Sprache einsetzen würde, hätte man
nicht erwarten sollen. Allerdings kann es für einen dumm gehaltenen Zwangsstaat brenzlig
werden, wenn die intellektuelle Minderheit wieder vom Ausland aus arbeitet.
19. Dritte Radiomeldung anläßlich der Konferenz der Ministerpräsidenten am
8. Oktober 2004:
Die Ministerpräsidenten haben beschlossen, daß "die neue Rechtschreibung
zum 1. August 2005 bei Schulen und Behörden verbindlich wird."
- Die letzten Zweifel an der Diktatur des Staates sollten damit verschwunden
sein. Der staatliche Rundfunk leitet die Befehle der Ministerpräsidenten an das Volk weiter. Denn gerade war der Axel-Springer-Verlag zur traditionellen Qualitätsrechtschreibung zurückgekehrt.
Nach einigen Jahren des orthographischen Chaos sprechen die
genannten Argumente für die Beibehaltung der konventionellen
Rechtschreibung überwiegend auch für eine Umkehr.