Der Hinweis, man dürfe nun die Schüler mit ihrer Neuschreibung nicht allein lassen, war fortan das
stärkste Argument, mit dem alle sachlichen Bedenken beiseitegewischt wurden. In Schleswig-
Holstein wurde ein erfolgreicher Volksentscheid gegen die Reform mit dem Argument gekippt, die
Schüler sollten nicht auf einer Rechtschreibinsel leben. (In Wirklichkeit sitzen heute alle Schüler
auf einer solchen Insel, denn außerhalb der Schule schreibt niemand so wie sie.) Übrigens hatte sich
der Staat in Schleswig-Holstein in übler Weise zum Komplizen der Schulbuchverleger und des
Bertelsmannkonzerns gemacht, indem er durch allerlei Tricks den Volksentscheid erst zu
verhindern und dann zu verfälschen versuchte. Zwar stürzte die Kultusministerin Böhrk darüber,
aber das Ziel, die orthographische Gleichschaltung im Dienste der Verlagsinteressen, wurde
dennoch erreicht.
Der Vorsitzende der Rechtschreibkommission stellt mit Befriedigung fest:
"Die Schule macht den Vorreiter." (Pressekonferenz in Mannheim am 12. 9. 1997)
Mit diesem Vorgehen vergleiche man, was der liberale Abgeordnete Heinrich Stephani 1880 im
Deutschen Reichstag sagte:
"Die Schule soll den Schülern das, was in den gebildeten Kreisen des Volkes zur festen
Gewohnheit in Bezug auf Rechtschreibung geworden ist, als Regel beibringen; nicht aber soll
die Schule selbst vorangehen, indem die Schulen das Volk zwingen wollen, eine neue
Gewohnheit der Rechtschreibung anzunehmen."
Dieser selbstverständliche Grundsatz ist heute auf den Kopf gestellt. Das Bundesinnenministerium
hat sich in diesem Punkt dem Grünen-Abgeordneten Volker Beck angeschlossen, der im
Rechtsausschuß des Bundestages sagte, die staatlichen Dienststellen dürften keine andere
Rechtschreibung haben als die Schule.
Im Rechtsausschuß hatte ich Gelegenheit, die Bedenken gegen die Reform vorzutragen. Einige Zeit
später, am 24. 2. 1998, rief mich der Obmann der SPD in diesem Rechtsausschuß, Peter Enders,
abends an und versuchte fast eine Stunde lang, mich von meinem Widerstand gegen die
Rechtschreibreform abzubringen. Treibende Kraft sei das Bundesinnenministerium. Er selbst nannte
die Reform "Scheiße" und machte mir klar, daß es ihm einzig und allein um die Vermeidung von
Gesichtsverlust für die Kultusminister seiner Partei gehe; deshalb werde er im Bundestagsplenum
dafür stimmen. So geschah es.
Daß die Politiker die Rechtschreibreform als Testfall für die Regierbarkeit des deutschen Volks
ansahen, geht aus mehreren Quellen hervor:
Die österreichische Zeitung "Die Presse" – übrigens die einzige, die ihre Leser befragte und daher
bei der alten Rechtschreibung blieb – fragte den bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber:
"Können Sie noch nachvollziehen und der Bevölkerung vermitteln, was mit der
Rechtschreibreform los ist?"
Stoiber: "Die Reform ist sicher nicht mein Herzensanliegen. Es zeigt sich aber auch hier, daß
die Leute immer weniger akzeptieren, was oben beschlossen wird. Und ich möchte
vermeiden, daß genau so etwas wie mit der Rechtschreibreform auch mit dem Euro passiert!"
(Die Presse 5. 3. 1998)
Ähnlich äußerte sich Hans Joachim Meyer, der sächsische Kultusminister, im Deutschen
Bundestag: die Rechtschreibreform sei ein Test für die Reformfähigkeit der Deutschen überhaupt.
Er konnte aber ebensowenig wie seine Gesinnungsgenossen verhindern, daß der Deutsche
Bundestag am 26. 3. 1998 einen Beschluß faßte, in dem es heißt:
"Der Deutsche Bundestag ist der Überzeugung, daß sich die Sprache im Gebrauch durch die
Bürgerinnen und Bürger, die täglich mit ihr und durch sie leben, ständig und behutsam,
organisch und schließlich durch gemeinsame Übereinkunft weiterentwickelt. Mit einem Wort: