FAZ vom 5.9.2000, Seite 54:
Von Weiber-Seelen im Liebes-Fieber - Alter Zopf an neuem Kopf:
In der Wortbildung ist die Rechtschreibreform ein Rückschritt ins 18. Jahrhundert. Von Helmut Glück:
Sprachreformen können vielerlei betreffen: den Wortschatz, die Sprachverwendung in einzelnen Bereichen, die Grammatik und natürlich die Rechtschreibung. Rechtschreibreformen gehören zu den sensibleren Spielarten von Sprachreformen, denn sie betreffen die äußere Gestalt der Sprache:
Man kann sie leicht sehen. Rechtschreibreformen betreffen nicht nur die sogenannten Laut-Buchstaben-Beziehungen, also die Frage, wie man Gesprochenes Punkt für Punkt im Geschriebenen widerspiegelt. Sie können weit in grammatische Strukturen eindringen, also das Sprachsystem selbst betreffen. Um so vorsichtiger muß man sie betreiben.
Von Sprachreformen muß man die natürliche, spontane Sprachentwicklung unterscheiden. Sprachen entwickeln sich ständig. Von Generation zu Generation ergeben sich Veränderungen, die manchmal kaum wahrnehmbar, manchmal spektakulär sind. Sonst sprächen wir heute noch Mittelhochdeutsch oder Mittelniederdeutsch. Die jeweils ältere Generation neigt dazu, spektakuläre Veränderungen als Sprachverfall und Anzeichen von Dekadenz wahrzunehmen. Aktuelle Beispiele liefern im Wortschatz einige Adjektive, die einen hohen Grad oder Intensität ausdrücken, etwa "geil", "fett" und "genial", in der Grammatik die Zweitstellung des Verbs in weil-Sätzen, zum Beispiel "weil Rudolf versteht nichts von Grammatik".

Sprachwandel spielt sich ab, ohne daß jemand ihn will, plant, bestellt und durch irgendwelche "Maßnahmen" umsetzt. Das unterscheidet ihn von Sprachreformen.
In der Rechtschreibung war das bis 1996 genauso: Sie veränderte sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, und zwar in kleinen Schritten. Sie wurden von der Sprachgemeinschaft kaum wahrgenommen, weil frühere Rechtschreibreformer nicht versuchten, der Sprachgemeinschaft Neuerungen vorzuschreiben, sondern bestrebt waren, den bestehenden Usus zu erfassen, zu systematisieren und in Regeln zu fassen. Sie haben sich - erfolglose Ausnahmen bestätigen die Regeln - nicht angemaßt, eine "ideale" Orthographie durchzudrücken. Vielmehr haben sie den Souverän in der Republik der Sprache, das Sprachvolk, als legitim anerkannt und sich darauf konzentriert, die lautlichen, lexikalischen und grammatischen Mechanismen zu dokumentieren und zu entdecken, die in der Rechtschreibung wirksam sind. Einer dieser Mechanismen ist die seit etwa fünfhundert Jahren bestehende Tendenz des Deutschen, Teile der Syntax in die Wortbildung zu verlagern.
Was ist damit gemeint? Das Deutsche kann sehr komplexe Wörter bilden, die ganze Satzteile, ja Sätze in sich schließen. Das Verfahren dazu ist die Komposition, die Verbindung von zwei oder mehreren Wortstämmen zu einem komplexen Wort, einem Kompositum, zum Beispiel "Mehrkornroggenvollkornbrot".Das ist ein Brot, das aus einem Mehl gebacken ist, welches noch die Randschichten und den Keimling des Korns enthält und im wesentlichen aus Roggen, daneben aber weiteren Getreidesorten besteht. Die innere Struktur von Komposita kann also sehr kompliziert sein. Man spricht von einer "tiefverschneiten" Landschaft, wenn der Schnee hoch liegt und man tief in ihn einsinkt, "tiefschürfend" oder "tiefgreifend" ist eine Bemerkung oder eine Untersuchung, die den Kern eines Gegenstands berührt, "tieftraurig" ist man, wenn man sehr traurig, ja todtraurig ist, und "tiefbewegt" drückt eine über das Normale hinausgehende seelische Bewegung aus.
Das ist ein sehr ökonomisches Verfahren: Komposita entlasten die Syntax, und sie können vielerlei grammatische und semantische Beziehungen in sich aufnehmen. Bis auf "tieftraurig" und "todtraurig" soll man übrigens alle Beispielwörter des vorstehenden Satzes jetzt getrennt schreiben, das heißt, die Rechtschreibreform schaffte die Wörter "tiefverschneit", "tiefschürfend", "tiefgreifend" und "tiefbewegt" ab und ließ nur noch "verschneit", "schürfend", "greifend" und "bewegt" übrig, die man, wenn man Lust hat, adverbial mit "tief" erweitern darf. Hier greift die Reform in grammatische Strukturen ein und erzwingt falsche, systemwidrige Schreibungen.
Äußere Merkmale von Komposita sind die Anfangsbetonung, das (weitgehende) Fehlen von Flexion im Innern und die Zusammenschreibung. "Haustür" zum Beispiel hat den Akzent vorn, bildet den Plural "Haustüren" (und nicht "Häusertüren" oder "Häusertür") und wird zusammengeschrieben. Der Akzent geht auch dann nach vorn, wenn das Zweitglied eigentlich Endbetonung hat: "Schreiberei" betont man hinten, "Rechtschreiberei" vorn. Dasselbe gilt für verbale Komposita wie "kennenlernen" oder "spazierengehen": Sie werden auf der ersten Silbe betont; und nur das Endglied wird konjugiert, zum Beispiel "weil sie ihn kennenlernte" und nicht "weil sie ihn kanntelernen". Deshalb müssen sie zusammengeschrieben werden, auch wenn die Reform das verbieten will.
Das Deutsche kannte schon in älteren Sprachstufen Komposita, doch erst in frühneuhochdeutscher Zeit entwickelte sich dieses Wortbildungsverfahren systematisch und auf breiter Front. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert verwandte man häufig noch den Bindestrich, um Zusammensetzungen anzuzeigen, im achtzehnten Jahrhundert verzichtete man mehr und mehr darauf und schrieb Komposita in einem Wort, so wie das heute üblich ist. Vor genau dreihundert Jahren unkte der Nürnberger Lexikograph Matthias Kramer im Vorwort seines imposanten Werks "Das herrlich Große Italiänisch-Teutsche Dictionarium", Komposita bereiteten dem Lernenden die Schwierigkeit, sie als Zusammensetzungen zu erkennen; "und wie wirds ihm erst gehen/wann das Wort nicht nur zwey-/ sondern drey-vier und mehrgedoppelt wäre / als: Landweinfaß / Landfriedbruch / Oberlandhauptmann / Sprachkunstlehrart / Neujahrgeschenck/ Weiberschuhschnalle etc. Unaussprechligkeit etc. und diese Scheid-zeichen-mangel ist eben auch eine von den Haubt-ursachen / warum die Ausländer unsere Sprache / als welche gar oft solche halb-ellen-lange Wörter hat 1 noch bis auf diese stund für erschrecklich untereinander knasternd und knarrend / und folgends nicht allein für unerlernlich / sondern auch für unverständlich halten." Deshalb hat Kramer für den "Teutschbegierigen Welsch- oder Frantzmann" in seinem Wörterverzeichnis alle Komposita mit diesem "Scheid-zeichen", das heißt einem Bindestrich, drucken lassen. Den Trend zur Zusammenschreibung hat dies nicht aufgehalten.
Um 1800 war dieser Prozeß weit fortgeschritten, aber noch nicht beendet. Er kam erst im neunzehnten Jahrhundert zu seinem Abschluß. Daß er immer noch virulent ist, zeigt der Umstand, daß wir bei der Schreibung von sehr langen und neuen Komposita immer noch gern zum Bindestrich greifen, also zum Beispiel "Erstsemester-Begrüßungsabend-Vorbereitungsgruppe" oder "No-future-Generation". Auch die Mode, Zusammensetzungen durch Großbuchstaben im Wortinnern zu kennzeichnen (zum Beispiel "BahnCard", "LehrerInnen"), erinnert an eine vergangene orthographische Epoche.
Christoph Martin Wielands "Comische Erzählungen" erschienen 1765. Dort finden sich noch viele Bindestrichschreibweisen. zum Beispiel "Weiber-Seelen", "Bauren-Sprache", "Liebes-Fieber" und "Liljen-Brust", aber auch Adjektive wie "wollust-trunken" oder "reizungs-voll". Mitunter bringt er durch die Großschreibung des ersten Teils zum Ausdruck, daß dieser ein Substantiv ist, zum Beispiel "Schwanen-weiß" oder "Rosen-roth". Friedrich Schiller hat in seinem Drama "Die Räuber" (1781) Getrenntschreibungen wie "Drachen Nest", "Mayen Sonne" und "Hottentotten Augen", Bindestrichschreibungen wie "Luder-Leben", "Prälats-Bauch" und "Todes-Angst" und bei dreigliedrigen Komposita Mischschreibungen wie "Vater-Lands Erretter" oder "Kommis-Brod Ritter". In Goethes "West-Östlichem Divan" (1819) stößt man auf "Himmels-Mädchen-Schar", "Lebens-Wunden" und "Liebes-Wunden" sowie "weisheits-fromm" und "himmel-froh". Hier ist das substantivische Erstglied bereits klein geschrieben. Noch Mörikes "Stuttgarter Hutzelmännlein" (1853) bietet Beispiele für seinerzeit bereits archaische Schreibungen wie "Gäns-Ei","Fett-Glanz-Stiefelwichse", "Mille- und Wolle-reich" (Mille = Milch) und "Allerwelts-Art Wassersnoth". Im wesentlichen schrieben alle vier Autoren Substantiv- und Adjektivkomposita aber als Wörter zusammen, so wie das heute der Fall ist.
Nicht anders war das Schreibverhalten um 1800 bei Komposita, deren Zweitglied ein Verb ist. Es gibt, wie erwähnt, grammatische Merkmale, die deutlich machen, ob ein Verb ein Kompositum ist oder nicht: Rückt die Betonung nach vorn, hat man es mit einem Kompositum zu tun, zum Beispiel "guthaben" und "Ferien haben" oder "übelnehmen" und "übel riechen". Erstglieder werden nicht flektiert: Man kann sie nicht in den Plural setzen, zum Beispiel "teilnehmen" gegenüber "Teile nehmen", oder mit einem Artikel versehen, zum Beispiel "weil wir teilnehmen" gegenüber "weil wir ein/ dieses Teil nehmen". Auch hier ging die orthographische Entwicklung eindeutig zur Zusammenschreibung.
In Wielands "Comischen Erzählungen" finden sich Schreibungen wie "Recht haben", "übel nehmen", "stehen bleiben" und "in einander passen", aber schon "hochzuachten", in Goethes "Werther" (1774) "kennen lernen", "spazieren gehen", "wieder sehen" und "fest setzen". Schiller schreibt in den "Räubern" "preiß geben", "kund machen" und "los lösen", Wieland im "Hexameron von Rosenhain" (1805) "Statt finden", "anheim stellen" und "sich weiß machen lassen". In Johann Heinrich Campes "Abeze- und Lesebuch" (1830) finden sich immer noch "kennen lernen", "weiter gehen" und "mit hören", aber nur noch "wiedersehen", in Mörikes "Hutzelmännlein" zum Beispiel "übrig behalten", "beisammen sitzen" und "heim gehen". Und schon Schiller schreibt "falschmünzen" und nicht "falsch münzen". Neben diesen Beispielen für damals veraltende Getrenntschreibungen finden sich zahlreiche Beispiele für Zusammenschreibungen, was dem Trend der Sprachentwicklung entsprach.
Besonders häufig, ja fast durchgängig wird um 1800 die Zusammenschreibung verwendet, wenn komplexe Verben die Form von Partizipien haben. Wieland schreibt zum Beispiel "feingebildet", "hochgeschätzt" und "emporgehoben", Goethe "goldgerändert", "winderzeugend", "wohlgekocht" und "zierlichlockend". Bei Mörike kommen "grünverglaset", "vielberühmt" und "ein Enkelein mit rothgeschlafenen Backen" vor. Hier zeigt sich die Tendenz zur Zusammenschreibung, die inzwischen strukturell verankert ist, besonders klar: Wir schreiben "Sie war leichtfertig/leichtsinnig", aber "Sie ist leicht beleidigt", und wir wollen zwischen "leicht verletzt" und "leichtverletzt" unterscheiden können. Die Rechtschreibreform will diese wohletablierte Möglichkeit, zwischen einem komplexen Verb und einem einfachen Verb, vor dem ein Adverb steht, zu unterscheiden, einfach abschneiden.
Bei einigen präpositionalen Fügungen, die sich inzwischen zu Bestandteilen komplexer Verben oder zu nachgestellten Präpositionen entwickelt haben, herrschten um 1800 noch starke Schwankungen in der Schreibung. Wieland hat zum Beispiel "zu Stande bringen", "zu Muth sein", "zu Statten kommen", "zu Theil werden"; Goethe "zu Grunde richten" und "zu nichte gehen"; Campe "von Statten gehen", "zum Grunde legen" und "zu Rechte legen"; Mörike "zu Schanden gehen", "bei Seit' bringen", "zu gute kommen" und "zuwegebringen". Die Entwicklung dieser präpositionalen Fügungen läßt sich mit Händen greifen: Um 1800 wurden sie noch als Verbindung einer Präposition mit einem Nomen aufgefaßt und zweifellos auch entsprechend betont, das heißt, das Nomen und das folgende Verb trugen je einen Akzent.
Die Kleinschreibung des Nomens ist als erster Schritt der modernen Entwicklung zu interpretieren, die Zusammenschreibung von Präposition und Nomen als zweiter Schritt und die Zusammenschreibung mit dem Verb als dritter und letzter Schritt, der bis 1996 längst nicht überall durchgeführt war, aber der. strukturellen Tendenz entspricht. Goethe schreibt "zu nichte gehen", Campe "zu Rechte legen", was heute "zunichte" und "zurecht" geschrieben wird, ersteres getrennt vom Verb ("zunichte gehen"), zweiteres mit ihm zusammen ("zurechtlegen"). Mörike schreibt "zu Schanden", was später zusammengeschrieben wurde und seit 1996 wieder so wie im neunzehnten Jahrhundert geschrieben werden soll. Seine Schreibungen "bei Seit' bringen" und "zu gute kommen" entwickelten sich zu "beiseite bringen" und "zugute kommen" (sie wurden 1996 so belassen), während Mörikes "zuwegebringen" allzu fortschrittlich war und es nur bis ,;zuwege bringen" brachte. Seit 1996 soll nach der Vorväter Art wieder "zu Wege bringen" geschrieben werden.
Zwei der vier zitierten Schreibungen Wielands, "zu Stande bringen", "zu Muth sein", sind aus der Mottenkiste geholt worden und sollen - bis auf das "h" in "Theil" und "Muth" - wie vor 235 Jahren geschrieben werden. Lediglich die moderne Schreibung "zustatten kommen" wurde nicht zurückgedreht. Wieland schrieb noch "in Geheim", "zu Folge" und "folgender Maßen", Schiller "gerades Wegs" und "bey Zeit", was man inzwischen "insgeheim", "zufolge", "folgendermaßen", "geradewegs" und "beizeiten" schreibt. Schiller schreibt in den "Räubern" einmal, ohne einen orthographischen Hintergedanken, "während des durch einanders". Er konnte nicht ahnen, daß er mit diesem Hintergedanken einmal zitiert werden würde.
Die angeführten Autoren haben noch viele andere Auseinanderschreibungen, die uns heute kurios vorkommen - bei ihnen ist die Tendenz zu komplexen Wörtern durchgeschlagen und 1996 nicht angetastet worden. Doch so, wie die Dinge liegen, hätten sie durchaus angetastet werden können bei der Reise in die orthographische Vergangenheit, die die Reform an den angeführten Punkten unternommen hat. Bei Goethe finden sich zum Beispiel "hinten an", "gegen über", "mit nichten , "oben drein", "denn noch", "seines Gleichen" und "in's besondere", bei Schiller "drauf los", "so bald", "wo anders" und "neben her"; bei Campe "dem zu Folge" und "dem zu folge", "eben so gut", "halb laut", "dazu gehörig" und "so oft".
Das achtzehnte Jahrhundert ist das Zeitalter der Aufklärung, aber auch das der Perücken, der Reifröcke und des Absolutismus. In dieses Jahrhundert führt die Rechtschreibreform an den angesprochenen Punkten zurück. Sie ignoriert die Sprachentwicklung, schreibt verzopfte, archaische, längst überholte Schreibungen vor und deklariert den Schreibusus des Rokoko als modern. Das ist dreist, und die Art und Weise, wie man das dem Sprachvolk aufzwingen will, ist absolutistisch, nicht aufgeklärt.

Helmut Glück ist Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Bamberg. Mitglied der Studiengruppe "Geschriebene Sprache" um Professor Peter Eisenberg (Potsdam) und Professor Hartmut Günther (Köln), die die Rechtschreibreform bereits sehr früh kritisiert hatte. Glück ist außerdem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des "Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache" (VWDS), jetzt: "Verein Deutsche Sprache" (VDS), Dortmund.
Prof. Dr. Helmut Glück, Universität Bamberg, Deutsche Sprachwissenschaft,
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